Gastartikel: „Bei drei ist das Gemüse vom Grill!“ – Geschichten aus dem Leben einer toleranten Veganerin

Wir sind zum Grillen eingeladen.“

Was verbindest DU mit einem Grillabend? Leckeres Essen? Geselliges Beisammensein? Eine Feuertonne, an der die anwesenden Gäste sich versammeln, um Stockbrot zu machen? Egal, welche deine erste Assoziation ist: Vermutlich ist sie von positiver Natur. Bei mir wiederum lösen Einladungen wie diese bereits im Vorfeld ein tiefes innerliches Seufzen aus. Warum? Wo soll ich da bloß anfangen?

Komm´ mir bloß nicht mit deinem Tofu-Zeugs!“

Innerhalb der Gesellschaft hält sich das Klischee vom militanten Veganer äußerst hartnäckig. Uns wird nachgesagt, dass wir stets mit erhobenem Zeigefinger durch die Gegend laufen, anderen ihr Essen madig machen und beim Passieren einer Fleischtheke „Meat is murder!“ brüllen. Wobei… genau genommen betreten wir einen Laden, der „Leichenteile“ verkauft, gar nicht erst, denn das hieße ja, dass wir mit unserem Einkauf auch die Fleischabteilung mitfinanzieren. Mein Fehler!

Während ich mich für den Grillabend fertig mache, meldet sich mein Bauchgefühl zu Wort. Zuverlässig wie eine Funkuhr. Und auch dieses Mal wird es mich nicht täuschen.

Der Grill ist noch aus, als wir ankommen. Was mich nicht stört, denn ich habe vorher schon gegessen. Sicher ist sicher. „Carmen! Ich habe extra vegane Würstchen für dich besorgt.“

Ach Mensch! Ich freue mich über diese nette Geste. Wirklich. Denn ich setze nie voraus, dass jemand sich großartig Gedanken über eine pflanzliche Alternative für mich macht. In der Regel bringe ich mir einfach selber etwas mit.

Just in dem Moment, als das Wort „vegan“ durch die Luft tönt, setzt sich ein mir äußerst vertrauter Prozess in Gang. Menschen, mit denen ich bis auf ein „Hallo“ noch kein weiteres Wort gewechselt habe, fühlen sich plötzlich zu folgenden Aussagen animiert:

Vegane Würstchen? Bei drei ist das Gemüse vom Grill!

Vegetarisch geht ja noch, aber vegan?

Wir haben aber nur einen Grill. Aber die Dinger kann man ja bestimmt auch roh essen.

Ich werfe meinem Freund einen vielsagenden „Hab ich´s nicht gesagt?“-Blick zu und sehe vorerst von einer Reaktion auf diese Äußerungen ab.

Wer an diesem Punkt denkt: „Steh´ doch einfach drüber. Sind ja nur doofe Sprüche!“, der versteht nicht, worum es mir geht. Wer sich omnivor ernährt und somit tierische Produkte verzehrt, fühlt sich oft von der bloßen Präsenz einer vegan lebenden Person angegriffen. Und entgegen des Klischees vom militanten Pflanzenfresser (siehe oben) bin ICH es eben nicht, die sich hinstellt und am Grill mit erboster Mine einen Vortrag über Massentierhaltung hält. Stattdessen werde ich zur Zielscheibe für vegan-feindliche Sprüche jeglicher Couleur. Toleranz? Stets gefordert. Selten vorhanden.

Soll ich dir die Würstchen in der Pfanne braten?“, fragt die Gastgeberin. „Nein, nein, alles gut! Mach´ dir keinen Aufwand. Die können einfach mit auf den Grill.“ „Oh, echt?“

Ja. Echt. Bevor ich mich im Januar 2013 dazu entschieden habe, keine tierischen Produkte mehr zu konsumieren, war ich der Fleischesser vor dem Herrn. Kein Witz! Oder -wie die anwesenden Gäste sagen würden – „Fleisch ist mein Gemüse!“ Mein Motto. Damals. Und einer der Gründe, warum es mich nicht stört, wenn mein Essen mit auf dem Gemeinschaftsgrill landet. 25 Jahre meines Lebens habe ich Fleisch gegessen. Außerdem reden wir hier von einem Grillrost. Das Würstchen liegt einfach nur obendrauf – neben all den anderen Würstchen. Gegebenenfalls mit etwas Sicherheitsabstand. 😉 Ein Problem? Für mich nicht.

Können deine Sojadinger da überhaupt braun werden?

Natürlich. Dauert nur etwas länger.

Ist aber auch nicht so geil, dass dafür der Regenwald abgeholzt wird, oder?

Einatmen. Ausatmen. Ich bin ein Gänseblümchen.

Soja, das in Regenwaldgebieten angebaut wird, dient überwiegend zur Fütterung von Tieren. Somit also schlussendlich der Produktion von Fleisch.“

Kurze Stille. Dann:

Entweder esse ich Fleisch oder ich lasse es bleiben. Ich bau´ mir doch auch kein Salatblatt aus Hack.“

Ein weiterer Treffer auf dem veganen Bullshit-Bingo. Ding, ding, ding!

Während ich in meinem Kopf die imaginäre Glocke läute, schneide ich ein Gespräch am Nebentisch mit.

Tofu schmeckt ja bekanntlich am besten, wenn man ihn nach der Zubereitung von der Pfanne aus in den Müll gleiten lässt. Höhöhö.

Okay. Da reißt er, der Geduldsfaden.

Ernsthaft?“, höre ich mich sagen, „Das sollen tolle Veganer-Witze sein? Leute… der Spruch hat SO einen Bart. Wenn schon lästern, dann seid dabei wenigstens kreativ.

Mehrere Köpfe drehen sich um und starren mich an. Irritation. Jemand gibt Kontra, ohne dabei seine Ernährung als einzig wahre Option hinzustellen. Was ist da los?

Wenn ihr euch jetzt fragt, ob diese Schilderungen alle der Realität entsprechen, so lautet meine Antwort darauf: leider ja! Natürlich gibt es Veganer, die ein Verhalten an den Tag legen, das alle Vorurteile bestätigt. Doch mir war es wichtig, euch auch einmal die andere Seite aufzuzeigen. Eine Seite, welche geprägt ist von Spott und herablassenden Kommentaren.

Um am Ende jedoch eine Lanze zu schlagen: Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich habe wunderbare Freunde und Bekannte, für die es nie ein Problem war, was ich esse. Oder eben nicht esse. 98% dieser Menschen sind weder Veganer noch Vegetarier. Und trotzdem kommen wir miteinander aus.

Wer Toleranz erwartet, möge bitte auch selber welche an den Tag legen. Kampf den Klischees!

Mit pflanzlichen Grüßen,

Carmina Vegana (Instagram Facebook )

Anmerkung: Zur besseren Lesbarkeit greife ich in diesem Text nur auf die männliche Form zurück.


Text: Carmen Logemann

Vielen lieben Dank, liebe Carmen!

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